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Manifest · 29.08.2026

Intelligenz und Leben

Warum wir uns endlich von einer falschen Zuordnung lösen können.

Die Debatte über künstliche Intelligenz kreist um die Frage, wer sie nutzen darf, was sie ersetzen wird, wie wir sie regulieren. Ich möchte einen Schritt zurücktreten und eine andere Frage stellen. Wofür halten wir diese Intelligenz eigentlich, wenn wir uns so intensiv über sie definieren?

Ich bin Arzt. Ich habe in der Intensivmedizin gearbeitet, war Notarzt auf der Rega-Basis Mollis und habe Menschen im Rega-Jet aus dem Ausland zurückgeholt. Heute bin ich Hausarzt in Hinwil. In allen diesen Rollen habe ich Menschen sterben sehen und Menschen leben sehen. Zuletzt zählt man Atemzüge, nicht Gedanken. Die Frage, wer klüger war, ist an keinem einzigen Bett je aufgekommen. Sie ist eine Frage der Lebenden über die Lebenden, nicht des Lebens über sich selbst.

Wir haben lange gesagt, der Mensch sei das denkende Tier. Daraus haben wir unsere besondere Stellung unter allen Lebewesen gerechtfertigt. Wer denkt, herrscht. Wer weniger denkt, dient. Was nicht denkt, ist Material. Diese Rechtfertigung haben wir wie einen Schatz verwaltet.

Und weil eine Rechtfertigung begründet werden muss, haben wir dafür Verfahren gebaut. Wir haben das Denken vom Körper abgetrennt, in Aufgaben übersetzt, in Punkte gefasst und in eine Reihenfolge gebracht. Diese Tests waren von Anfang an dazu da, Menschen zu sortieren: Schulkinder einteilen, Soldaten zuweisen, Eignung voraussagen. Gemessen wurde, wie brauchbar jemand in einem festgelegten Ablauf ist. Zeichen unter Zeitdruck umstellen. Muster erkennen. Regeln anwenden. Sich Zwischenschritte merken. Das sind Werte, die eine Maschine beschreiben.

Wir haben also mittels Intelligenz unseren Wert mit den Eigenschaften einer Maschine verglichen, lange bevor es die künstliche Version davon gab. Und jetzt sind wir überrascht, dass eine Maschine besser darin ist, eine Maschine zu sein, als wir. Es wäre erstaunlich, wenn es anders wäre.

Neben die Intelligenz haben wir eine zweite Grösse gestellt, den finanziellen Reichtum. Auch er ist ein Gebilde, das mit Leben nichts zu tun hat. Beide leisten dasselbe: Sie machen Menschen vergleichbar und erlauben den Satz, einer sei mehr wert als der andere. Kein Lebewesen ist mehr oder weniger lebendig. Es gibt keine Steigerungsform von Leben. Dieser Satz ist im Bereich des Lebendigen einfach falsch, und wir haben unsere Gesellschaften darauf gebaut.

Was daraus folgt, sehen wir in jeder Debatte, die geführt wird. Glorifiziert werden diejenigen, die in einer Welt der Intelligenz dominieren. Abgewertet werden diejenigen, die dem Leben näher stehen. Menschen, die pflegen, tragen, warten, beruhigen. Kinder begleiten. Sterbende halten. Boden bearbeiten. Zuhören. In diesen Tätigkeiten punktet niemand, weil sie sich nicht zählen lassen. Wir haben uns so sehr auf das Messbare konzentriert, dass das, was Leben ausmacht, in unseren Beschreibungen irrelevant geworden ist.

„Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los."

Der Besen ist kein Feind. Er tut nur etwas besser, das wir bisher für ein Zeichen unserer Besonderheit gehalten haben. Er trägt Wasser, ohne müde zu werden. Er erfüllt eine Aufgabe, ohne Ablenkung, ohne Zweifel, ohne Anspruch.

Der Schrecken des Lehrlings liegt nicht darin, dass der Besen lebendig wird. Er liegt darin, dass ein Stück Holz eine Fähigkeit übernimmt, mit der er sich selbst wichtig gemacht hat.

Solche Übergaben hatten wir schon. Wir haben das Heben an Kräne abgegeben, das Rechnen an Rechenmaschinen, das Erinnern an Schrift und Archive. Jedes Mal war es zuerst eine Kränkung und dann eine Erleichterung. Niemand fühlt sich heute klein, weil ein Bagger stärker ist.

Diesmal trifft es uns härter, weil wir uns über die Intelligenz auf ein fiktives Podest gehoben haben. Unsere Angst vor der künstlichen Intelligenz ist die Angst, das zu verlieren, worüber wir uns so lange bestimmt haben. Worüber wir andere kontrolliert haben. Worüber wir dachten, dass es uns über das Leben stellt. Bildungsbürgertum, Meritokratie, Elite: Das sind unsere Namen dafür.

Endlich verlieren wir eine Rechtfertigung, die wir nie gebraucht haben. Die Übergabe bestimmter Formen von Intelligenz an Maschinen kann uns frei machen. Wir können aufhören, unseren Wert über etwas zu definieren, das nie zur Definition des Lebens gehört hat. Nicht das Messen hat ein Ende, sondern sein Anspruch, über Würde und Wert zu entscheiden.

Ich beschäftige mich als Arzt mit dem Atem. Der Atem ist die Essenz des Lebens, und er ist das genaue Gegenteil dessen, was wir zu unserer Definition erhoben haben. Er ist nicht Leistung. Er ist nicht Vergleich. Er ist nicht Intelligenz. Er ist das, was uns lebendig macht, bevor irgendetwas anderes zählt. Und er hört auf, unabhängig davon, wie klug einer war.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Debatte über künstliche Intelligenz so laut geführt wird und die über den Atem so leise. Das eine lässt sich vergleichen. Das andere nicht.

Was bleibt, ist lebendig.

Also lasst Maschinen Maschinendinge tun. Darin sind sie besser. Und hören wir auf, uns mit Maschinen zu vergleichen. Der Vergleich ist künstlich und von einer Definition geprägt, die Leben nicht annähernd beschreibt. Intelligenz beschreibt eine Maschine, nicht das Leben.

Sagt das Wort, und der Besen geht in die Ecke.

Intelligenz entscheidet nicht über den Wert eines Lebens. Sagen Sie mir, was Sie sehen, wenn Sie aufhören zu zählen.