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Standortbestimmung

Was wir bauen, was wir nicht bauen, und warum

Fünf Anker, an denen sich unsere Atemapp festhält

Wir entwickeln eine Atemapp. Das ist eine ziemlich unaufgeregte Beschreibung.

Und sie täuscht ein bisschen darüber hinweg, dass der Markt für Atemapps gerade voll ist. Calm, Headspace, Othership, Breathwrk, Breathpod, Lungy. Die Liste ist länger geworden, als wir sie aufzählen wollen.

Wir kennen die meisten dieser Apps. Wir haben sie ausprobiert, wir haben unseren Kindern beim Spielen mit ihnen zugeschaut, wir haben Score-Quizzes ausgefüllt und uns dabei gefragt, warum eine Atemapp uns Multiple-Choice-Fragen stellt. Und wir haben darüber nachgedacht, was uns an alldem fehlt.

Dieser Text ist der Versuch, das aufzuschreiben. Nicht als Werbung, sondern als Standortbestimmung. Wir wollen nicht behaupten, der einzige Weg zu sein. Wir wollen nur sagen, welchen Weg wir gehen und warum.

Fünf Anker

Wir haben uns auf fünf Sätze festgelegt, an denen wir uns festhalten, wenn wir Entscheidungen treffen müssen.

Reizarm.
Physiologisch korrekt.
Wissenschaftlich fundiert.
Wir messen. Du entscheidest.
Wir helfen dir, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten.

Das klingt erstmal trocken. Aber jeder dieser Sätze hat einen Gegenspieler im Markt, und genau deshalb stehen sie da, wo sie stehen.

Reizarm

Die meisten Atemapps sehen aus wie Spielautomaten. Pulsierende Kugeln, animierte Galaxien, Konfetti, wenn man den Atem hält. Manche dieser Visuals sind handwerklich beeindruckend. Wir haben Apps gesehen, in denen das Atem-Reactive-Rendering besser ist als in vielen Spielen.

Das Problem ist nicht das Handwerk. Das Problem ist die Logik. Eine Atemübung, die deine Aufmerksamkeit nach aussen zieht, auf einen Bildschirm, auf eine Animation, auf einen Score, arbeitet gegen das, was wir für richtig halten. Das funktioniert als Unterhaltung und schafft Bindung an die App, und es ist gleichzeitig ein Teil der Antwort auf die Frage, warum Atem-Apps oft nicht helfen.

Atem ist dein Erlebnis, deine Wahrnehmung. Je mehr du nach draussen gezogen wirst, desto weniger erfährst du über das einzigartige Zusammenspiel zwischen deiner Gestalt und dem Atem. Der Weg sollte nach innen führen, nicht nach aussen.

Wir bauen entsprechend in die andere Richtung. Cremefarbener Hintergrund, Serif-Headlines, kein Konfetti, keine pulsierenden Kugeln. Eine ruhige Mitte, die du in der Hosentasche tragen kannst, ohne dass sie dich anschreit, wenn du sie öffnest.

Physiologisch korrekt

Wir sind Allgemeinmediziner, Intensivmediziner, Notärzte. Das heisst, wir haben einen einzigartigen Blick auf den Atem, weil wir Patienten haben, denen wir keine Übung empfehlen können, die ihnen schadet. Wir haben Patienten mit COPD, Patienten mit Panikstörungen, Patienten mit Hyperventilations-Tendenzen, Patienten nach Lungenembolie, traumatisierte Patienten, herzkranke Patienten. Eine Atemtechnik, die für einen gesunden 28-Jährigen funktioniert, kann für einen 62-Jährigen mit Lungenemphysem eine schlechte Idee sein.

Deshalb prüfen wir jede Atemtechnik gegen die Anatomie und Physiologie, die wir kennen. Wir nutzen Resonanzatmung bei ungefähr 5 Atemzügen pro Minute, weil das der Frequenz entspricht, bei der bei den meisten Menschen HRV und RSA in Phase gehen. Wir variieren das individuell, weil Atemfrequenz mit Körpergrösse, Alter und Lungenkapazität skaliert.

Wissenschaftlich fundiert

Hier wird es heikel, weil das ein Begriff ist, mit dem auch Hersteller von Schwingungsmatratzen werben.

Was wir damit meinen: Wir bauen auf Studien auf, die wir gelesen und verstanden haben. Wir geben uns Mühe, die Methodik der App so eng wie möglich an dieser Literatur zu führen.

Wir sind misstrauisch gegenüber proprietären Scores in der Atemwelt. Eine Zahl zwischen 0 und 100, die aus vier Tap-Tests und acht Fragen entsteht, ist nicht zwingend Wissenschaft. Manchmal ist sie es, oft nicht. Wir möchten lieber unsere Methodik offenlegen, bevor wir mit einer eigenen Zahl winken. Eine erste Übersicht der Studien, auf die wir uns stützen, findest du auf unserer Methodik-Seite.

Wir messen. Du entscheidest.

Viele Apps in unserer Kategorie führen dich. Sie sagen dir, was du atmen sollst, wie lange, mit welcher Animation. Manche fragen dich vorher, wie du dich fühlst, und passen dann das Programm an. Beide Ansätze nehmen dir ein Stück weit die Entscheidung ab.

Wir gehen einen anderen Weg. Wir messen, was passiert, wenn du atmest: Frequenz, Tiefe, Rhythmus, das I:E-Verhältnis aus dem Mikrofon, HRV und RSA aus Apple Watch, HealthKit oder einem BLE-Brustgurt. Wir zeigen dir diese Werte und ihre Bedeutung. Was du daraus machst, ist deine Sache. Die App ist als Werkzeug für dich gedacht, nicht zur Unterhaltung.

Die Asymmetrie ist Absicht. Sie kostet uns wahrscheinlich Conversion, weil Apps, die dir Anweisungen geben, sich oft hilfreicher anfühlen. Aber sie schützt deine Autonomie.

Aufmerksamkeit nach innen

Der letzte Anker ist gleichzeitig die Probe für alle anderen. Bei jeder Designentscheidung fragen wir: Bringt das die Aufmerksamkeit nach innen oder nach aussen?

Eine pulsierende Kugel: nach aussen. Eine Score-Zahl, die hochzählt: nach aussen. Ein Push-Notification-Streak: nach aussen. Eine ruhige, fast unsichtbare Anzeige der eigenen Herzkohärenz, während man die Augen schliessen kann: nach innen.

Wir halten diesen Standard nicht immer. Manchmal kommt eine Funktion in die App, die wir später wieder rausnehmen, weil sie die falsche Richtung verstärkt. Das ist Teil der Arbeit.

Eine Kategorie öffnen, nicht eine besetzen

Wir haben für das, was wir machen, einen Arbeitsbegriff: Stilles Biofeedback. Stille hier nicht im akustischen Sinn, die App hat Atemklänge und manchmal Musik. Sondern im Sinne von: ohne übergriffige Aufforderung, ohne Animation, ohne Anweisung.

Wir wissen, dass „Kategorie öffnen" nach Marketing klingt. Aber wir meinen es bescheiden. Wir behaupten nicht, die einzige App in dieser Richtung zu sein. Wir behaupten nur, dass es einen Platz für eine App gibt, die so funktioniert, und dass wir versuchen, diesen Platz so gut wie möglich zu füllen.

Wenn du eine App suchst, die dich unterhält, dann sind wir nichts für dich, und es gibt sehr gute Apps für genau das. Wenn du eine App suchst, die dir eine Zahl gibt, an der du dich messen kannst, gibt es auch dafür gute Adressen. Wenn du eine App suchst, die misst, dir zeigt was sie misst, und dann zurücktritt, dann sind wir möglicherweise das, was du brauchst.

Was als Nächstes kommt

Wir launchen am 26. Mai. Bis dahin laufen die Closed Tests. Wenn du Lust hast, das mitzubekommen, folge uns auf Instagram. Wir schreiben hier weiter über die einzelnen Anker, mit mehr Details zur Methodik: welche Studien wir nutzen, wie unser Mikrofonalgorithmus funktioniert, wo seine Grenzen liegen. Und wie wir in der Zukunft planen, unseren Weg wissenschaftlich zu validieren.

Wir freuen uns über Widerspruch. Wenn du Atemtherapeutin bist und etwas Falsches hier liest, schreib uns. Wenn du Atemtech baust und unsere Anker nicht teilst, ist das auch okay. Der Markt ist gross genug für mehrere Wege.

„shii… haa."