Es gibt einen Satz, den ich seit Jahren mit mir trage. Er stammt von keinem Philosophen und aus keinem Buch. Er ist aus einer Beobachtung entstanden, die ich als Arzt immer wieder mache.
Es atmet, ich atme.
Vier Wörter, und in ihnen liegt alles.
Zwei Seiten
Der Körper ist ein stiller Arbeiter. Das meiste tut er ohne uns. Das Herz schlägt, die Nieren filtern, die Leber entgiftet, die Zellen teilen sich. Das geschieht, ob wir wollen oder nicht. Wir haben keine Wahl.
Beim Atem ist es anders.
Er geschieht von allein. Er holt Luft, während wir schlafen. Er passt sich an, wenn wir rennen, und wird langsamer, wenn wir zur Ruhe kommen. Um nichts davon bitten wir ihn.
Und gleichzeitig können wir ihn steuern. Tief einatmen, die Luft anhalten, langsam ausatmen. Wir brauchen ihn, um zu sprechen, zu singen, zu pfeifen, zu seufzen.
Kein anderes System im Körper lässt das zu. Das Herz können wir nicht anhalten, die Verdauung nicht beschleunigen, die Pupille nicht daran hindern, sich zu verengen. Den Atem aber können wir berühren.
Was das bedeutet
Ich glaube, das ist mehr als eine biologische Besonderheit. Der Atem zeigt etwas Grundlegendes über unser Dasein.
Wir sind Empfänger, und wir sind Gestalter. Beides gleichzeitig, in jedem Moment.
Etwas wird uns gegeben, ohne dass wir etwas dafür getan haben. Und wir dürfen etwas daraus machen, ohne dass uns jemand dazu zwingt.
Das ist keine Theorie. Man kann es an sich selbst beobachten, jetzt.
Atme ein. Dass du Luft brauchst, hast du nicht entschieden. Dass du gerade eingeatmet hast, schon.
Das ist das Paradox.
Was ich auf der Intensivstation gelernt habe
Auf der Intensivstation sieht man, was geschieht, wenn der Atem nicht mehr reicht.
Der Körper erledigt mit dem Atem zwei Aufgaben. Er bringt den Sauerstoff aus der Luft ins Blut und damit zu den Organen, und er gibt das Kohlendioxid ab, das im Stoffwechsel entsteht. Oxygenierung und Ventilation. Die beiden Vorgänge spielen so selbstverständlich zusammen, dass man sie im Alltag nie auseinanderhält; über ihre Bedeutung lassen sich Bücher füllen, und es gibt sie. Wichtig ist: Der Körper überwacht vor allem das Kohlendioxid im Blut und regelt darüber die Atmung. Die Versorgung mit Sauerstoff folgt dieser Regelung.
Bei einer Ateminsuffizienz versagt die Versorgung mit Sauerstoff, die Regelung des Kohlendioxids oder beides. Die Atemmuskulatur erschöpft sich; das Zwerchfell, das seit dem ersten Atemzug ohne Pause arbeitet, kann nicht mehr. Oder die Lunge selbst ist geschädigt, entzündet, mit Flüssigkeit gefüllt, in ihrer Oberfläche zerstört. Der Gasaustausch bricht zusammen. Der Sauerstoff im Blut sinkt, das Kohlendioxid steigt. Der Körper gerät in eine Kaskade, die sich selbst beschleunigt.
Der Puls steigt, die Atemfrequenz steigt. Der Körper setzt alles ein, was er hat: die Hilfsmuskeln am Hals, zwischen den Rippen, in der Bauchdecke. Man sieht es. Die Nasenflügel blähen sich, die Haut zwischen den Rippen zieht sich ein, der Mensch richtet sich auf, stützt sich ab, kämpft. Der Körper schreit, ohne einen Laut.
Dafür gibt es eine technische Lösung.
Ein Beatmungsgerät übernimmt beides, Ventilation und Oxygenierung. Es drückt Luft in die Lunge, mit einem Druck, den wir genau einstellen. Es reichert die Luft mit Sauerstoff an, weit über das hinaus, was die Atmosphäre bietet. Es hält die Lungenbläschen offen, die sonst zusammenfallen würden. Es überwacht jeden Atemzug, jede Kurve, jedes Verhältnis.
Es rettet Leben, jeden Tag.
Und es hat einen Preis.
Der Druck, der die Lunge offen hält, kann sie verletzen. Die Lungenbläschen sind hauchdünn und für maschinellen Druck nicht gemacht. Sie können überdehnt werden und reissen. Was als Rettung beginnt, kann zur Schädigung werden; wir nennen das beatmungsinduzierte Lungenschädigung. Die Maschine, die den Atem ersetzt, kann das Organ beschädigen, das sie schützen soll.
Dazu kommt der Mensch, der beatmet wird. Die Atemmuskulatur, die nicht mehr arbeiten muss, baut ab, innerhalb von Stunden. Das Zwerchfell wird dünner und schwächer. Die Entwöhnung von der Maschine wird zur Aufgabe, manchmal zur grössten.
Und die Atemstörung selbst richtet im Körper etwas an. Zu wenig Sauerstoff, und das Herz schlägt schneller, der Sauerstoffverbrauch steigt weiter. Zu viel Kohlendioxid, und das Blut wird sauer, die Gefässe weiten sich, das Bewusstsein trübt ein; eine respiratorische Azidose, der Körper im chemischen Ungleichgewicht, weil der Atem versagt. Umgekehrt senkt zu schnelles Atmen, die Hyperventilation, das Kohlendioxid zu stark. Die Gefässe verengen sich, dem Gehirn fehlt Blut, obwohl Sauerstoff im Überfluss da ist.
Ein System von grosser Genauigkeit und grosser Verletzlichkeit.
Das ist die Welt, in der ich gelernt habe. Zahlen, Kurven, Drücke, Gasanalysen. Die technische Beherrschung dessen, was im gesunden Körper einfach geschieht.
Darin liegt die Lektion.
Wir können den Atem ersetzen. Technisch, maschinell, vorübergehend. Wir können Sauerstoff liefern, Kohlendioxid abtransportieren, Drücke regeln, Kurven überwachen. Das Geschenk können wir nicht nachbauen. Die Maschine wird nie das sein, was der eigene Atem ist: mühelos, still, selbstverständlich. Etwas, das kommt, ohne zu fordern, und da ist, ohne zu schaden.
Die Intensivstation hat mir gezeigt, dass der Atem, der einfach geschieht, dieser leise Vorgang, den wir jeden Tag übersehen, ein Meisterwerk ist. Physiologisch, messbar. Man begreift es, wenn es fehlt.
Beatmet werden
Wir werden alle beatmet, und das nicht erst auf der Intensivstation.
Von der Geburt an geschieht der Atem ohne unser Zutun. Wir haben ihn nicht bestellt und nicht erarbeitet. Er wurde uns gegeben, wie das Leben selbst.
Das ist die eine Seite: Wir empfangen. Ununterbrochen, ohne Gegenleistung.
Jeder Atemzug im Schlaf ist ein Geschenk. Jeder Atemzug beim Weinen ist ein Geschenk. Jeder Atemzug, der kommt, obwohl wir nicht mehr wollen, ist ein Geschenk.
Man muss das nicht schön finden, man muss es nicht einmal mögen. Man kann es beobachten. Wer es beobachtet, erkennt: Da arbeitet etwas für mich. Es gibt mich nicht auf. Es macht weiter, auch wenn ich nicht kann.
Atmen können
Dann die andere Seite.
Wir können den Atem verändern, weil wir es dürfen. Vertiefen, verlangsamen, beschleunigen. Wir formen mit ihm ein Wort, singen einen Ton, blasen eine Kerze aus, schreien jemanden an, beruhigen jemanden.
Was wir mit dem Atem tun, zeigt, wer wir gerade sind.
Der aufgeregte Mensch atmet schnell und flach. Der ruhige tief und langsam. Der traurige hält den Atem an, als wollte er die Zeit anhalten. Der wütende presst die Luft heraus, als könnte er damit etwas loswerden.
Der Atem zeigt, wo wir stehen. Und er zeigt, dass wir dort nicht bleiben müssen.
Wir können ihn beobachten, und wir können ihn verändern. Damit verändern wir uns selbst, für diesen Moment.
Ein gewollter Atemzug ist vielleicht die kleinste Handlung, die ein Mensch vollziehen kann. Und zugleich die grösste. Sie sagt: Ich bin hier. Ich nehme teil.
Die Brücke
Es atmet, ich atme.
Der Satz beschreibt keine medizinische Situation. Er beschreibt unser ganzes Dasein.
Wir stehen auf einer Brücke. Auf der einen Seite das Geschenk, das ohne unser Zutun da ist. Auf der anderen die Gestaltung, das, was wir daraus machen.
Der Atem ist diese Brücke. Er verbindet, was wir empfangen, mit dem, was wir geben. Was wir nicht kontrollieren, mit dem, was wir gestalten dürfen. Das Wunder mit dem Willen.
Die Brücke ist immer da. Man muss sie weder suchen noch bauen. Ein Atemzug, und man steht darauf.
Kein Ratschlag
Ich sage nicht, dass man anders atmen soll, und ich sage nicht, dass man öfter an den Atem denken soll. Ich sage nicht, dass irgendetwas im Leben besser wird, wenn man eine Atemgestaltung macht.
Ich sage nur: Es gibt dieses Paradox. Es ist in dir, es war immer in dir. Und es sagt etwas über dich, das keine Maschine, kein Buch und kein anderer Mensch dir sagen kann.
Es atmet, ich atme.
Du bist Empfänger und Gestalter. Geschenk und Entscheidung. Gleichzeitig, in diesem Moment und in jedem.
shii, das Einatmen. Empfangen.
haa, das Ausatmen. Geben.
Der Moment dazwischen: die Brücke, auf der wir stehen.
shii · haa, receive and give, and everything in between